Für die Red Savina Habanero kursieren drei Schärfewerte: 577.000 SHU, 248.556 SHU und 500.000 SHU. Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten liegt Faktor 2,3. Alle drei stammen aus seriösen Zusammenhängen, keiner davon ist schlicht erfunden — und genau das macht diese Sorte zum besten Lehrstück darüber, was eine Scoville-Zahl eigentlich aussagt.
Dazu kommt eine Rekordgeschichte, die kaum jemand richtig erzählt. Die Red Savina war von 1994 bis Februar 2007 Guinness-Weltrekordhalterin — rund zwölf Jahre, länger als jede Sorte nach ihr. Und heute, im Vergleich mit den echten Superhots, ist sie schlicht eine sehr scharfe Habanero. Das klingt nach Abstieg, ist für Hobbygärtner aber die gute Nachricht.

Steckbrief Red Savina Habanero
| Schärfe | 577.000 SHU (Guinness 1994, Labor nie benannt) · 248.556 SHU Ø (NMSU-Nachmessung 2005) · 500.000 SHU (aktuelle CPI-Liste) |
| Capsicum-Art | Capsicum chinense |
| Herkunft | Selektion von Frank Garcia, GNS Spices, Walnut (Kalifornien), USA — aus einer Sportmutation einer Habanero |
| Keimdauer | 2–5 Wochen bei 25–28 °C |
| Aussaat | Mitte Januar bis Anfang Februar |
| Reifezeit | ca. 120–150 Tage ab dem Auspflanzen (Handelsangabe, keine peer-reviewte Quelle) |
| Wuchshöhe | Habanero-typisch, meist 60–100 cm im Topf |
| Topfgröße | mindestens 10 l, besser 15 l |
| Eignung für Deutschland | machbar mit früher Vorkultur; im Folientunnel oder an einer warmen Südwand am zuverlässigsten |
| Selbst angebaut | nein — ich baue andere chinense-Sorten an, aber keine Red Savina |
Wo die Sorte im Gesamtfeld steht, siehst du am schnellsten im direkten Vergleich. Eine Einordnung aller gängigen Sorten findest du in der Übersicht aller Chilisorten, die Systematik dahinter erklärt die Scoville-Skala.
Drei Zahlen für eine Sorte — und keine davon ist gelogen
Wenn du im Netz nach der Schärfe der Red Savina suchst, bekommst du je nach Seite einen anderen Wert. Das liegt nicht an schlampigen Redaktionen, sondern daran, dass es tatsächlich drei unterschiedlich zustande gekommene Zahlen gibt.
577.000 SHU — der Rekordwert von 1994
Das ist die Zahl, mit der die Red Savina in die Guinness-Rekordbücher kam. Sie stammt aus einer Messung an einem einzelnen Exemplar. Und jetzt der Teil, den fast keine deutsche Seite schreibt: welches Labor gemessen hat, ist bis heute nicht belegt. In der Chili-Fachliteratur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der Wert nie offiziell verifiziert wurde.
Wer also schreibt „gemessen von der New Mexico State University“ oder „von Guinness gemessen“, erfindet die Quelle dazu. Guinness zertifiziert Werte, misst aber nicht selbst. Und die NMSU kommt in dieser Geschichte erst elf Jahre später vor — mit einem ganz anderen Ergebnis.
248.556 SHU — Boslands Nachmessung 2005
Paul Bosland hat die Sorte am Chile Pepper Institute der NMSU nachgemessen. Ergebnis: 248.556 SHU im Durchschnitt. Das ist weniger als die Hälfte des Rekordwerts. Kein Skandal, sondern der übliche Abstand zwischen einer Spitzenfrucht und einem Sortenmittel aus einer Mischprobe.
Ein Durchschnitt über viele Früchte ist die härtere Zahl. Sie sagt dir, was du realistisch erwarten kannst. Ein Einzelfruchtwert sagt dir nur, was unter besten Bedingungen einmal möglich war. Als Faustwert aus der Literatur liegt eine Spitzenfrucht typisch beim 1,35- bis 1,7-Fachen des Sortenmittels — bei der Red Savina klafft die Lücke deutlich weiter auf.
500.000 SHU — was das CPI heute führt
In der aktuellen Sortenliste des Chile Pepper Institute steht die Red Savina mit 500.000 SHU. Das ist weder der Rekordwert noch Boslands Durchschnitt, sondern ein Listenwert, der die Sorte im Feld der anderen Sorten einordnet. Solche Listen arbeiten mit Richtwerten, nicht mit dem Ergebnis einer einzelnen Messreihe. Und die CPI-Liste ist ausdrücklich nicht die Guinness-Liste: Das Institut führt eine eigene Rangfolge aus Eigenmessungen, in der zum Beispiel die Trinidad Moruga Scorpion ganz oben steht, obwohl sie nie einen Guinness-Titel hatte.

Warum Scoville-Werte überhaupt so weit auseinanderliegen
Der SHU-Wert ist seit den 1980er Jahren kein Verkostungsergebnis mehr, sondern ein Rechenwert aus einer HPLC-Analyse. Getrocknete, gemahlene Probe, Lösungsmittelextraktion, Chromatografie, UV-Detektion — und am Ende wird der gemessene Capsaicinoidgehalt mit einem Faktor multipliziert. Schon dieser Faktor ist nicht einheitlich: ppm × 15 nach ASTA, mg/kg × 16 oder eine gewichtete Variante, die Nordihydrocapsaicin niedriger ansetzt. Wer „Faktor 16″ schreibt, ohne dazuzusagen welcher, hat die Zahl schon um mehrere Prozent verschoben.
Vor 1980 lief das ganz anders: Wilbur Scoville hat 1912 ein Verdünnungsverfahren beschrieben — Extrakt in Zuckerwasser, bis ein Verkostungspanel nichts mehr schmeckt. Zwischen zwei Laboren konnten dabei bis zu 50 Prozent Unterschied herauskommen. Die 577.000 SHU von 1994 fallen zwar schon in die HPLC-Ära, aber ohne benanntes Labor lässt sich nicht einmal prüfen, welcher Umrechnungsfaktor benutzt wurde.
Dazu kommt die Pflanze selbst. Der Capsaicinoidgehalt schwankt mit Wasserversorgung, Stickstoffangebot, Standort, Jahrgang und Reifegrad. In einer Untersuchung von Rathnayaka und Kollegen (Horticulture Journal 2021) lag der Unterschied allein durch extreme Wasserversorgung beim Faktor 5,8 bis 11,8. Ivanović und Kollegen (IJMS 2025) fanden schon innerhalb eines einzigen Jahres 21 bis 35 Prozent Streuung zwischen Standorten. Und der SHU-Wert ist auf Trockenmasse definiert — frische Schoten bestehen zu 77 bis 94 Prozent aus Wasser. Der Satz „diese frische Schote hat X SHU“ ist methodisch schief.

Die Carolina Reaper zeigt das noch deutlicher: 1.641.183 SHU als zertifizierter Durchschnitt der Rekordmessung, rund 1.340.000 SHU im NMSU-Feldversuch (Bosland et al., Scientia Horticulturae 2021) und 518.299 SHU in einer Hausgartenstudie (Ivanović et al., IJMS 2025). Nimmst du die dokumentierte Einzelfrucht-Spitze von 2.200.000 SHU dazu — die ausdrücklich kein Sortenwert ist —, spannt sich der Bereich um Faktor 4,2 auf. Dieselbe Sorte, alles dokumentiert. Ich baue die Carolina Reaper selbst an — und ich habe keine Möglichkeit zu wissen, wo meine Schoten in dieser Spanne liegen. Das gilt für deine Red Savina genauso.
Was du als Hobbygärtner daraus mitnimmst
Behandle jede SHU-Zahl als Größenordnung, nicht als Eigenschaft deiner Pflanze. Praktisch heißt das: Eine Red Savina liegt irgendwo zwischen „scharfe Habanero“ und „am unteren Rand der Superhots“. Ob deine Ernte eher bei 200.000 oder eher bei 500.000 landet, hängt an Wetter, Substrat, Düngung und Reifegrad — und du wirst es nie genau erfahren, weil dir kein HPLC-Labor zur Verfügung steht.
Die einzig sinnvolle Konsequenz: Bei der ersten Schote jedes Jahrgangs vorsichtig herantasten. Mehr zur Wirkstoffseite steht unter Capsaicin — das, was die Chili scharf macht.
Zwölf Jahre Weltrekord — die längste Amtszeit der Rekordära
Die Red Savina war die erste Sorte der modernen Rekordära. Von 1994 bis Februar 2007 stand sie im Guinness-Buch, dann übernahm die Bhut Jolokia mit 1.001.304 SHU, gemessen am NMSU Chile Pepper Institute und 2007 von Bosland und Baral in HortScience veröffentlicht. Zwölf Jahre hat danach keine Sorte mehr geschafft: Die Infinity Chilli hielt den Titel etwa zwei Wochen, die Naga Viper nur wenige Tage — deren 1.382.118 SHU stammen zudem aus einer einzigen Labormessung von 2010 an einem instabilen Dreifach-Hybrid.

Ein verbreiteter Fehler dabei: Die Trinidad Moruga Scorpion hatte nie einen Guinness-Titel. Das war eine Messung des Chile Pepper Institute, per Pressemitteilung im Februar 2012 veröffentlicht und von der Presse zum Weltrekord gemacht. Guinness ging direkt von Butch T (2011) auf die Carolina Reaper (2013) über. Die ganze Chronologie steht ausführlich unter schärfste Chili der Welt; seit Oktober 2023 ist Pepper X mit 2.693.000 SHU im zertifizierten Durchschnitt als Rekordhalterin anerkannt.
Frank Garcia und die Herkunft der Sorte
Hinter der Red Savina steht Frank Garcia von GNS Spices im kalifornischen Walnut. Er entdeckte in seinem Habanero-Bestand eine Pflanze mit auffällig größeren, tieferroten Früchten — eine Sportmutation, also eine spontane Abweichung an einem einzelnen Trieb. Über mehrere Generationen hat er darauf selektiert, bis die Eigenschaften stabil waren.
Die Sorte wurde unter dem US Plant Variety Protection Act geschützt. Sortenschutz statt Freigabe — das ist auch der Grund, warum die Red Savina lange schwerer zu bekommen war als andere Habaneros. Botanisch ist und bleibt sie eine Capsicum chinense, dieselbe Art wie Habanero, Scotch Bonnet, Ghost Pepper und Carolina Reaper. Die Unterschiede zwischen den fünf Capsicum-Arten und was sie für den Anbau bedeuten, steht unter Capsicum-Arten im Überblick. Weiterführend auch der englische Wikipedia-Eintrag zur Red Savina.
Wie die Red Savina heute einzuordnen ist
Nach heutigen Maßstäben ist die Red Savina keine Superhot mehr. Sie ist eine sehr scharfe Habanero. Die Carolina Reaper liegt mit ihrem zertifizierten Durchschnitt von 1.641.183 SHU beim rund Drei- bis Siebenfachen, je nachdem, welchen Red-Savina-Wert du gegenrechnest.
Für Hobbygärtner ist das kein Nachteil, sondern der eigentliche Reiz. Eine Sorte in dieser Klasse lässt sich noch dosieren. Eine halbe Schote in einem Topf Chili sollte nach allem, was ich von meinen Habaneros und der Scotch Bonnet kenne, noch schmeckbar bleiben, statt alles zu überfahren. Beim Reaper ist das bei mir jedes Mal ein Balanceakt mit dem Messerrücken. Und weil die Red Savina botanisch eine Habanero-Selektion ist, ist im Anbau auch kein Sonderprogramm zu erwarten.
Selbst angebaut: nein — was ich trotzdem sagen kann
Ich baue die Red Savina nicht an. Sie ist nie in meiner Sortenliste gelandet, weil ich mit Chocolate Habanero, Orange Habanero und Scotch Bonnet schon drei Sorten aus der Habanero-Klasse im Beet habe und der Platz endlich ist.
Was ich sagen kann, kommt deshalb von den eng verwandten Sorten. Die Red Savina ist eine Habanero-Selektion — bei meinen Habaneros, der Scotch Bonnet und der Ghost Pepper sind Keimverhalten, Anzuchtdauer, Wärmebedarf und der Zeitpunkt der ersten Ernte praktisch deckungsgleich. Alles, was ich unten zum Anbau schreibe, stammt aus dieser Praxis mit anderen chinense-Sorten. Wo ich rein sachliche Angaben wiedergebe, schreibe ich das dazu.
Red Savina Habanero anbauen
Aussaat: früh, aber nicht panisch früh
Als chinense gehört die Red Savina in die frühe Aussaatrunde: Mitte Januar bis Anfang Februar. Die NMSU rechnet allgemein mit 8 bis 10 Wochen Vorkultur vor dem Auspflanzen, bei den scharfen chinense-Sorten eher 10 bis 12 Wochen. Bei mir läuft es genau so — die Habaneros und die Ghost Pepper kommen im Januar in die Anzuchtschale, die annuum-Sorten wie Jalapeño und Cayenne erst ab Mitte Februar.
Saattiefe rund 6 mm. Nicht tiefer, sonst schaffen es die Keimlinge nicht durch. Ich nutze nährstoffarme Anzuchterde oder Quelltöpfe — die normale Erdmischung ist für Sämlinge zu fett. Die ganze Vorgehensweise steht ausführlich unter Chili-Aussaat, und wenn du altes Saatgut hast, lohnt vorher ein Keimtest auf Küchenpapier.
Keimung: unter 15 °C passiert gar nichts
Das ist die Zahl, an der die meisten Anzuchten scheitern. Versuche der NMSU zeigen: Bei 10 °C keimte über 21 Tage kein einziger Samen. Eine Capsicum-chinense-Studie über elf Temperaturstufen fand zwischen 9 und 15 °C überhaupt keine Keimung. Ein Fensterbrett über einem Heizkörper wirkt warm, ist aber nachts oft unter 18 °C — und dann steht die Kiste wochenlang da, ohne dass etwas passiert.
Der Praxisbereich liegt bei 25 bis 28 °C. Die Quellen widersprechen sich im genauen Optimum (NMSU nennt 26,7 bis 29,4 °C, andere Arbeiten 24 bis 27 °C), deshalb behandle ich das als Korridor und nicht als Punktwert. Eine Heizmatte mit Thermostat ist die eine Anschaffung, die bei chinense-Sorten wirklich einen Unterschied macht.
Rechne mit 2 bis 4 Wochen, bei chinense laut NMSU bis zu 5 Wochen. Nicht vorher aufgeben. Bei mir sind Ghost-Pepper-Samen schon nach über vier Wochen noch gekommen, als ich die Schale eigentlich schon abgeschrieben hatte. Was du in der Zeit vermeiden musst, ist Dauernässe unter der Haube — dazu Schimmel in der Chili-Anzucht, mein erstes Anbaujahr war deswegen fast komplett verloren.
Pikieren und Umtopfen
Etwa 3 bis 4 Wochen nach der Keimung wird pikiert, sobald das erste echte Blattpaar da ist. Ab da darf es nährstoffreicher werden. Meine Mischung für die Töpfe: rund 50 % torfreduzierte Gemüse- oder Blumenerde, 20 % Kokoshumus, 20 % Perlite oder feiner Blähton, 10 % reifer Kompost, dazu eine Handvoll Hornspäne je 10 Liter. Nichts davon wiege ich ab, das sind Richtwerte. Details unter Chili-Erde selbst mischen und Chili-Erde.
Bis zum Auspflanzen topfe ich meist zweimal um. Wie du dabei vorgehst und woran du den richtigen Zeitpunkt erkennst, steht unter Chilipflanzen umtopfen.
Topfgröße und Standort
Für eine Habanero-Selektion dieser Größe sind 10 Liter das Minimum, 15 Liter sind entspannter. Zu kleine Töpfe rächen sich im August: Das Substrat trocknet mittags komplett aus, die Pflanze wirft Blüten ab, und du gießt gegen ein Problem an, das du selbst gebaut hast. Was welche Pflanzengröße braucht, steht unter Topfgröße für Chilipflanzen.
Standort: so viel Sonne wie möglich. Bei mir stehen die chinense-Sorten im Folientunnel, weil sie dort verlässlich ausreifen. Ohne Tunnel funktioniert eine warme Südwand oder ein windgeschützter Südbalkon. Wie viel Licht die Pflanzen tatsächlich brauchen, steht unter Lichtbedarf von Chilipflanzen.
Der Folientunnel verlängert die Saison vorn und hinten, verschiebt das Problem aber von Kälte zu Hitze. An einem klaren Junitag hast du dort mittags schnell über 40 °C. Lüften ist dann keine Option, sondern Pflicht.
Gießen — und warum „trocken halten macht schärfer“ nicht stimmt
Der Ratschlag, man solle Superhots knapp halten, damit sie schärfer werden, hält bei genau diesen Sorten der Prüfung nicht stand. Jeeatid und Kollegen (Food Chemistry 245, 2018) haben es an Bhut Jolokia und Orange Habanero untersucht: Wasserstress senkte den Capsaicinoid-Ertrag. Ein Review in Plants (2024) kommt zum differenzierten Bild — moderate Trockenheit kann den Gehalt erhöhen, schwere senkt ihn. Dazu kommt der Unterschied zwischen Konzentration und Gesamtertrag: Eine dürre Pflanze mit acht Schoten liefert dir weniger Schärfe als eine gut versorgte mit dreißig.
Gleichmäßig gießen, Staunässe vermeiden, im Hochsommer im Topf notfalls zweimal täglich. Was das praktisch heißt, steht unter wann und wie oft du Chilis gießt.
Düngen
In der Anzucht gar nicht — die Sämlinge brauchen magere Erde. Ab dem Umtopfen in die fertige Mischung reichen die Hornspäne für die ersten Wochen. Ab der Blüte gehe ich auf einen kaliumbetonten Tomatendünger über. Stickstoff korreliert deutlich mit dem Capsaicinoidgehalt, aber zu viel davon gibt dir eine große grüne Pflanze mit wenig Früchten. Dosierung und Zeitpunkte unter Chilipflanzen richtig düngen.
Abhärten und Auspflanzen
Ende April bis Anfang Mai kommen die Pflanzen für 10 bis 14 Tage stundenweise nach draußen, erst in den Schatten, dann in die Sonne. Ohne diesen Schritt bekommst du Sonnenbrand auf den Blättern — weiße, papierdünne Stellen, die nicht mehr weggehen.
Ausgepflanzt wird Mitte Mai, nach den Eisheiligen. Das Queensland DAF gibt für die Jugendphase Temperaturschwellen von über 10 und unter 31 °C an; unter etwa 13 °C wächst kaum noch etwas, leichter Frost tötet die Pflanze. Den kompletten Jahresablauf findest du unter Chili anbauen.
Blüte, Fruchtansatz und Reife
Blüte und Bestäubung brauchen es wärmer als der Rest: über 15 und unter 28 °C. Unter etwa 15 °C funktioniert die Befruchtung nicht mehr richtig. Nach oben ist die Schwelle robuster, als oft behauptet wird — Erickson und Markhart (2002) zeigten, dass erst eine Dauerexposition von 48 bis 120 Stunden bei 33 °C den Fruchtansatz stark reduziert. Ein einzelner heißer Nachmittag lässt also nicht sofort die Blüten fallen. Ein Hitzestau im ungelüfteten Tunnel über mehrere Tage dagegen schon. Weitere Ursachen unter Chili-Blüten fallen ab.
Von der Blüte bis zur reifen Schote vergehen bei chinense-Sorten mehrere Wochen. Für die Gesamtdauer ab dem Auspflanzen nennt der Handel 120 bis 150 Tage, über alle Quellen streuen die Angaben von 100 bis 180 Tagen. Eine peer-reviewte Quelle dafür gibt es nicht — behandle die Zahl als groben Erfahrungswert.
Ernte
Bei meinen chinense-Sorten fällt die erste Ernte zwischen Ende August und Mitte September, die Haupternte im September und Oktober, und die letzten Schoten hole ich bis zum ersten Frost. Bei der Red Savina wäre das nach allem, was ich von den verwandten Sorten kenne, derselbe Rhythmus.
Reif ist die Schote, wenn sie durchgehend tiefrot ist und leicht vom Stiel abbricht. Der Capsaicinoidgehalt erreicht sein Maximum in der Plazenta etwa 30 Tage nach der Blüte, im Fruchtfleisch rund 50 Tage — zu früh geerntet fehlt dir also Schärfe und Aroma. Mit Schere schneiden, nicht abreißen, sonst nimmst du halbe Triebe mit. Details unter wann und wie du Chilis erntest.
Typische Probleme
Blattläuse und Spinnmilben treffen alle meine Sorten gleichermaßen, im Tunnel besonders die Spinnmilbe bei trockener Luft — Übersicht unter Chili-Schädlinge und Krankheiten. Blütenendfäule kommt bei ungleichmäßiger Wasserversorgung. Gelbe Blätter sind meist Stickstoffmangel oder zu nasse Füße, siehe gelbe Blattspitzen. Und die häufigste Ursache für Frust bei chinense-Sorten bleibt zu späte Aussaat. Der Sammelpunkt für alles Weitere ist die Problemübersicht.
Zur Mehrjährigkeit: Capsicum chinense ist botanisch mehrjährig und lässt sich überwintern, was in einer kurzen deutschen Saison einen echten Vorsprung bringt. Ich mache es aus Platzgründen nicht und ziehe jedes Jahr neu. Wenn du den Platz hast, steht das Vorgehen unter Chilis überwintern.
Verarbeitung: Trocknen, Pulver, Sauce
Eine einzelne Red Savina reicht rechnerisch für eine ganze Mahlzeit für mehrere Personen. Die Ernte einer Pflanze musst du also konservieren, sonst verdirbt sie.
Trocknen
Chinense-Schoten haben dickeres, feuchteres Fruchtfleisch als eine Cayenne. An der Luft aufgefädelt schimmeln sie im deutschen Herbst gern, bevor sie trocken sind. Dörrautomat bei etwa 55 bis 60 °C oder Backofen auf niedrigster Stufe mit einem Kochlöffel in der Tür funktionieren zuverlässiger. Halbierte Schoten trocknen schneller und gleichmäßiger.
Wichtig zum Verständnis: Trocknen macht nicht schärfer, es konzentriert nur. Bezogen auf das Gewicht steigt der Wert, weil Wasser verschwindet — Heißluft kann Capsaicinoide sogar abbauen. Anleitung unter Chilis trocknen.
Pulver
Die trockenen Schoten müssen glasig-brüchig sein, sonst verklebt die Mühle. Mahlen erzeugt ein extrem reizendes Aerosol — dazu unten mehr im Sicherheitsteil. Ich mahle Superhot-Pulver nie in derselben Mühle wie Paprika, der Rückstand reicht für böse Überraschungen. Vorgehen unter Chilipulver selber machen.
Sauce, Einlegen, Öl
Für eine Sauce dürfte die Red Savina dankbarer sein als eine Reaper: Sorten der Habanero-Klasse bringen ein fruchtig-tropisches Aroma mit, das bei meinem Scotch Bonnet und der Orange Habanero die Schärfe trägt, statt von ihr überfahren zu werden. Bei meinen Habaneros lande ich für ein Kilo Mango oder Aprikose bei zwei bis drei Schoten — bei einer Red Savina würde ich in derselben Größenordnung anfangen und nachjustieren. Rezeptweg unter Hot Sauce selber machen, für Essigkonserven unter Chilis einlegen und für die milde Variante Chiliöl.
Dosierung und Lagerung
Fang mit einem Achtel Schote für vier Portionen an und taste dich über mehrere Gerichte heran. Beim Pulver reicht eine Messerspitze. Die Schärfe entfaltet sich verzögert — wer nachwürzt, bevor die erste Dosis wirkt, überzieht regelmäßig.
Getrocknete Schoten und Pulver kommen bei mir in dunkle Schraubgläser, kühl und trocken. Licht kostet Farbe und Aroma. Ganze Schoten halten deutlich länger als Pulver. Mehr unter Chilis richtig lagern.
Sicherheit beim Umgang
Bei einer Sorte in dieser Schärfeklasse ist das kein Formalkram. Das National Capital Poison Center empfiehlt Handschuhe aus Gummi, Latex oder Nitril, gute Belüftung beim Verarbeiten und konsequent die Finger aus dem Gesicht.
- Handschuhe beim Schneiden, Entkernen und Abfüllen. Capsaicin ist fettlöslich und hält sich stundenlang auf der Haut.
- Augen: Laut NPIC reizt Capsaicin die Augen stark, bis hin zu vorübergehender Sehbeeinträchtigung. Bei Kontakt 15 Minuten mit warmem Wasser spülen.
- Lüften: Beim Mahlen und Dörren entstehen Aerosole. Ein NIOSH-Bericht aus einem Chili-Verarbeitungsbetrieb (HHE 2014-0056-3259) dokumentiert tränende Augen, Nasenbluten und Atembeschwerden. Beim Einatmen kommt es auch bei Nicht-Asthmatikern zu Husten und Bronchokonstriktion.
- Haut: Mit warmem Wasser und Seife spülen, Pflanzenöl hilft zusätzlich. Kaltes Wasser allein verteilt es nur — siehe Chili-Schärfe von den Händen entfernen.
- Im Mund hilft Fett, nicht Wasser. Milch, Joghurt, Käse. Was funktioniert und was nicht, steht unter Schärfe mildern nach dem Essen.
Zu den Horrormeldungen, die regelmäßig kursieren, zwei Richtigstellungen. Der viel zitierte „Speiseröhrenriss durch Chili“ (J Emerg Med 2016) war ein Boerhaave-Syndrom — ein mechanischer Riss durch heftiges Erbrechen, keine Verätzung durch Capsaicin. Und die beiden dokumentierten RCVS-Fälle nach Superhot-Verzehr (BMJ Case Reports 2018 und Radiology Case Reports 2020) sind Einzelfallberichte mit n=1, jeweils nach dem Verzehr ganzer Superhot-Schoten, nicht nach einer gewürzten Mahlzeit. Im ersten Fall bildeten sich die Gefäßverengungen innerhalb von fünf Wochen vollständig zurück. Ernst nehmen, aber nicht mit einer halben Red Savina im Curry verwechseln.
Lohnt sich die Red Savina im eigenen Beet?
Wenn du bereits eine Orange Habanero anbaust, bekommst du mit der Red Savina eine kräftigere, tiefrote Variante desselben Grundtyps — kein völlig neues Erlebnis, aber eine deutliche Stufe mehr Schärfe bei verwandtem Aroma-Profil. Wenn du dagegen von der Jalapeño kommst, ist der Sprung erheblich: Die liegt im Literaturkorridor von 2.500 bis 8.000 SHU, die Red Savina je nach angesetztem Wert beim rund Dreißig- bis Zweihundertfachen davon.
Anbautechnisch ist sie keine Sonderaufgabe. Wer eine Habanero durch die deutsche Saison bringt, bringt auch eine Red Savina durch. Der einzige Punkt, an dem du nicht schludern darfst, ist die frühe Aussaat mit warmer Keimung — verpasst du den Januar-Termin, wird es im Oktober knapp.
Häufige Fragen zur Red Savina Habanero
Wie scharf ist die Red Savina Habanero wirklich?
Es kursieren drei Angaben: 577.000 SHU aus der Guinness-Messung von 1994 an einem Einzelexemplar, deren Labor nie benannt wurde, 248.556 SHU als Durchschnitt aus Paul Boslands Nachmessung am NMSU Chile Pepper Institute (2005) und 500.000 SHU als Listenwert des CPI. Realistisch ist die Größenordnung „sehr scharfe Habanero“ — der konkrete Wert deiner Ernte hängt an Standort, Wasserversorgung, Düngung und Reifegrad.
Wer hat die 577.000 SHU gemessen?
Das ist bis heute nicht belegt. Guinness zertifiziert Werte, misst aber nicht selbst, und das messende Labor wurde nie benannt. In der Fachliteratur wird der Wert deshalb als nie offiziell verifiziert geführt. Angaben wie „gemessen von der NMSU“ sind nachträglich erfunden.
Wie lange war die Red Savina Weltrekordhalterin?
Von 1994 bis Februar 2007, also rund zwölf Jahre. Abgelöst wurde sie von der Bhut Jolokia mit 1.001.304 SHU. Keine Sorte nach ihr hat den Titel annähernd so lange gehalten — die Infinity Chilli etwa zwei Wochen, die Naga Viper nur wenige Tage.
Ist die Red Savina eine Superhot?
Nach heutigen Maßstäben nicht mehr. Sie liegt deutlich unter Bhut Jolokia, Trinidad Moruga Scorpion und Carolina Reaper. Für den Küchengebrauch ist das ein Vorteil: Sie ist dosierbar und behält das fruchtige Aroma der Habanero-Klasse, statt nur zu brennen.
Wann muss ich Red Savina aussäen?
Als Capsicum chinense zwischen Mitte Januar und Anfang Februar. Sie braucht 10 bis 12 Wochen Vorkultur vor dem Auspflanzen Mitte Mai. Wichtiger als das exakte Datum ist die Keimtemperatur: unter 15 °C keimt sie überhaupt nicht, der Praxisbereich liegt bei 25 bis 28 °C.
Wie lange dauert die Keimung?
Zwei bis vier Wochen sind normal, bei Capsicum chinense nennt die NMSU bis zu fünf Wochen. Zu frühes Aufgeben ist der häufigste Fehler. Bei mir bringt konstante Wärme über eine Heizmatte mehr als jedes Vorquellen der Samen.
Wird die Red Savina schärfer, wenn ich weniger gieße?
Für Superhots ist dieser Rat nicht haltbar. Jeeatid et al. (Food Chemistry 2018) fanden bei Bhut Jolokia und Orange Habanero, dass Wasserstress den Capsaicinoid-Ertrag senkt. Moderate Trockenheit kann die Konzentration erhöhen, schwere senkt sie — und eine gestresste Pflanze trägt insgesamt weniger.
Baust du die Red Savina selbst an?
Nein. Bei mir wachsen Carolina Reaper, Ghost Pepper, Chocolate Habanero, Orange Habanero und Scotch Bonnet — eng verwandte Capsicum-chinense-Sorten, aber keine Red Savina. Alles, was ich hier zum Anbau schreibe, stammt aus der Praxis mit diesen Sorten und ist als solches gekennzeichnet.
Woher kommt der Name Red Savina?
Die Sorte geht auf Frank Garcia von GNS Spices im kalifornischen Walnut zurück. Er selektierte sie aus einer Sportmutation in seinem Habanero-Bestand und ließ sie unter dem US Plant Variety Protection Act schützen.
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